Circkool

Journal

Notizen vom Schreibtisch, meistens nachts.

Warum ein Zirkus

Dieses Buch hat nicht mit einer Idee angefangen. Es hat mit einem Ort angefangen, und der Ort wurde größer, dunkler und lebendiger, je tiefer ich hineinging.

Ich bin in Bonn geboren. Mit dreiundzwanzig bin ich für die Arbeit nach Düsseldorf gezogen, aber geschrieben habe ich über das, was davor war. Circkool ist eine Hommage an jene Bonner Jahre: an eine Gemeinschaft, an einen Ort und an Freundschaften, deren Namen ich behalten habe. Keine fernen Königreiche, sondern Orte, an denen man wirklich war. Ein Flussufer am Stadtrand. Eine Plane mit verblasstem Glitter. Ein Haus, in dem man aufgehört hat zu fehlen.

Warum ein Zirkus? Weil ein Zirkus der einzige Ort ist, an dem das Unmögliche vor Publikum passieren darf. Zweihundert Leute sitzen im Dunkeln, sehen Feuer aus bloßen Händen und einen Jungen, der schwebt, und klatschen, weil sie es für Kunst halten. Wer anders ist, kann sich nirgends besser verstecken als im Scheinwerferlicht. Rian sagt es in Kapitel 4 kürzer: Karneval.

Ein Zirkus ist aber auch das Gegenteil eines Verstecks. Er lockt. Er bietet Menschen, die draußen keinen Platz haben, genau das an, was sie am dringendsten brauchen: gesehen werden, dazugehören, eine Familie. Darum schreibe ich Dark Fantasy, in der Geborgenheit gefährlicher ist als Gewalt. Der sicherste Ort und der gefährlichste sind oft derselbe.

Und dann der Mond. Ein Zirkus, der seit Jahren am selben Platz in der Rheinaue steht und nicht weiterzieht, braucht trotzdem einen Kalender. Bei Circkool ist es der Vollmond. Einmal im Monat verlässt jemand den Zirkus. Die anderen nennen es Glück. Wohin, sagt niemand.

Das Buch ist meinem besten Freund Rian gewidmet. Manche Menschen verschwinden nie wirklich. Sie bleiben in Geschichten.

Circkool ist mein Debüt und der Auftakt einer Reihe. Ich schreibe nachts, weil die Sätze tagsüber zu höflich sind. Der Vorhang am Eingang ist festgebunden. Er steht offen, in beide Richtungen.

Warum Feo Bilder macht

Feo kann Dinge zeigen, die nicht da sind. Einen Sperling auf Rians Schulter, der den Kopf einmal nach links neigt und einmal nach rechts, wie Sperlinge das tun, und bleibt. Im Buch heißt das Illusionsweberei. Rian nennt ihn Bildermann.

Ich wollte keine Gabe, die ihren Träger stärker macht. Ich wollte eine, die ihn unsicherer macht. Wer Feuer macht, weiß hinterher, was er getan hat; es brennt. Wer Bilder macht, weiß das nie ganz. Feos Fähigkeit zeigt ihm die Welt und legt zugleich etwas darüber, und er kann nie sicher sein, welcher Teil davon von ihm stammt. Darum prüft er seit Februar sein Spiegelbild, im Wasser unter der Weide. Stimmt das Bild, ist er noch da.

Die Welt hat für das, was er ist, ein Wort, und das Wort heißt Wahnsinn. Drei Wochen Klinik, eine Diagnose, die nicht stimmt, Tabletten, die nichts tun. Eine Familie, die ihn liebt und sich vor ihm fürchtet. Das alles ist schon passiert, bevor das Buch beginnt. Feo hat gelernt, sich kleinzumachen.

Und dann steht da ein Mann, der ihm als Erster nicht sagt, dass er aufhören soll. Er sagt: »Aber Sie halten sie hart. Versuchen Sie es lockerer.« Für jemanden, der jahrelang gelernt hat, leise zu sein, ist das der gefährlichste Satz, den man hören kann.

Bei den anderen Figuren gilt dieselbe Werkstattregel. Jede hat einen Wunsch, ein Bedürfnis, eine Schuld, einen blinden Fleck, eine Grenze und einen Widerspruch. Und jede spricht anders. Einer bricht Sätze ab, eine verkürzt, einer antwortet mit einer Gegenfrage. Lassen sich zwei Repliken vertauschen, ohne dass es auffällt, ist der Dialog nicht fertig. Feo spricht weniger, als er denkt.

Jede Gabe in Circkool kostet den Körper etwas. Bei Feo kostet sie außerdem die Gewissheit, dass er sich selbst trauen kann. Was sie ihn am Ende kostet, steht im Buch.

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