Band 1 · Leseprobe
Leseprobe
Prolog, Kapitel 1 und der größte Teil von Kapitel 2, rund 9 % des Romans.
Prolog
Geh. Ich komme nach.
WWinters fragte ihn nach dem Mittagessen, ob er Zeit habe für einen Gang ans Wasser. Er hatte gewartet, bis der Junge aufgegessen hatte. Der Junge sagte ja, wie immer bei Winters.
Es war ein milder Nachmittag im April, der Himmel ein dünnes Blau über den Pappeln, eine Helligkeit, in der Wolken hätten stehen müssen und keine standen. Die anderen waren bei Pepper am Käfig oder hinter der Bühne, wo jemand eine Leiter über den Boden zog. Keiner sah ihnen nach, und dem Jungen war das längst recht. Er lebte hier, in dem Wagen mit dem schiefen Schrank, zwischen Leuten, die Dinge konnten, für die es draußen keine Namen gab, und Winters war der Einzige, der nie so tat, als wären diese Dinge ein Unfall.
Auf dem Weg zur Weide ging Winters einen Schritt vor ihm her, die Hände in den Manteltaschen, den Mantel offen, obwohl der Wind aus dem Schilfgürtel kam. Leise sprach er über die Lichterkette, die der Junge am Donnerstag zuvor gemacht hatte, draußen vor dem Küchenwagen, kurz nach dem Regen: sechs Lichter, einen Atemzug lang, in der Luft, ohne Strom, ohne Draht, aus nichts als dem, was hinter seinen Augen brannte, wenn er es ließ. »Das hatte einen Geschmack«, sagte Winters. »Nicht nur Strom. Das war etwas.« Beim Sprechen lächelte er, mit Fältchen an den Augenwinkeln, die zur Wärme der Stimme passten; so hatte er den Jungen anfangs überzeugt, dass er hier sicher war. Geschauspielert war es nicht.
»Samstag mach ich mehr«, sagte der Junge. »Und länger.« Diesmal sollte eines so lange bleiben, dass er es jemandem zeigen konnte.
Winters nickte.
Als sie aus dem Schatten der Pappeln traten, sah der Junge den Mond. Er stand schon voll, obwohl die Sonne erst halb hinter dem dunkelsten der Bäume war, eine bleiche Scheibe, der niemand das Recht gegeben hatte, jetzt schon dort zu sein. Für eine Sekunde wurde es kalt unter seinem Brustbein, an einer Stelle, die er bis dahin nicht gekannt hatte. Er legte den Gedanken weg wie eine Münze, die er später nicht mehr suchen würde.
Die Weide am Schilfgürtel war alt. Sie hing schwer über das Wasser, und ihre dünnen Zweige berührten den Rhein wie Finger, die zu kalt waren, sich noch zurückzuziehen. Hier hörten die Vögel auf. Der Junge merkte es erst, als die Stille schon eine Weile um sie stand. Winters blieb stehen und nahm die rechte Hand aus dem Mantel.
In seiner Hand lag etwas Schwarzes, schwer wie ein Werkzeug. Der Junge konnte nicht erkennen, was es war, ein Schlüssel vielleicht, ein Eisending. Dass es kalt war, sah man an der Art, wie es in der Handfläche lag, ohne mitzuwärmen, und an der Haut darum, die heller wurde.
Winters hob es und drehte das Handgelenk, eine kleine Bewegung, kaum mehr als das Spannen einer Sehne. Die Luft an der Weide dünnte aus und riss auf, so hoch wie eine Tür. Der Riss hatte keine Farbe. Er hatte eine Kante, und an der Kante zog sich das Licht des Nachmittags zurück wie Haut von einer Wunde, und dahinter lag etwas, das der Junge zuerst für Nebel hielt und dann für nichts, wofür er ein Wort hatte. Aus der Öffnung kam keine Luft. Die Luft auf dieser Seite beugte sich hinein.
»Geh«, sagte Winters. »Ich komme nach.«
Der Junge ging.
Auf der anderen Seite war es grau.
Das Grau hatte keine Quelle und kam aus allen Richtungen zugleich, von oben, von unten, aus der Luft zwischen seinen Fingern, und es leuchtete aus sich selbst, gleichmäßig, wie Milchglas, hinter dem niemand eine Lampe angemacht hat. Es gab keinen Himmel und keinen Boden, der sich wie Boden anfühlte. Er stand auf etwas, das wie flacher Stein aussah, aber unter seinen Schuhen war kein Druck und keine Kälte und keine Wärme. Die Luft bewegte sich nicht, und es roch nach nichts, nicht einmal nach ihm selbst. Er holte Atem und hörte ihn zu deutlich, ein Geräusch, das ihn verriet.
Er sah an sich hinunter. Er warf keinen Schatten. Seine Hände hatten eine Vorderseite und keine Rückseite, so kam es ihm vor, als hätte jemand allem hier das Hinten genommen und nur das Vorne gelassen.
In der Ferne standen Formen, die aussahen wie Gebäude, hoch und ohne ein einziges Fenster. Niemand hatte sie für ein Leben gebaut. Wenn er länger hinsah, standen sie ein Stück weiter links. Zwischen ihnen und ihm bewegte sich etwas. Umrisse. Menschen, oder das, was von Menschen übrig bleibt, wenn jemand sie aufzeichnet und den Stift vor dem Ende absetzt: Köpfe, Schultern, Hände, die an den Rändern ausfransten. Sie gingen langsam, jeder für sich, wie Leute, die einer Richtung folgen, deren Ziel sie vergessen haben. Keiner drehte sich nach ihm um. Einer von ihnen glühte schwach, rötlich, wie ein Ofen, der seit Stunden aus ist.
Die Stille drückte auf seine Ohren wie Wasser am Grund eines Schwimmbeckens.
Winters trat hinter ihm durch, und die Tür schloss sich. Es klang nach nichts, nach dem Fehlen eines Geräuschs, das hätte da sein müssen. Im Grau sah Winters’ Gesicht anders aus. Es hatte keine Schatten mehr, in denen die Wärme hätte sitzen können, und was blieb, war eine Aufmerksamkeit, glatt und vollständig, wie die eines Mannes über einem Uhrwerk.
»Steh still«, sagte Winters. »Es geht schnell.«
Der Junge stand still.
Winters ging einmal ganz um ihn herum und blieb wieder vor ihm stehen. Unterwegs strich er ihm mit dem Handrücken über die Schulter, dort, wo der Stoff der Jacke doppelt lag, und schob den Kragen um zwei Finger nach unten. Dann zog er die eigenen Mantelärmel zurück, erst rechts, dann links, und rollte sie zweimal um, wie jemand, der gleich in Wasser greifen muss.
Winters legte die Hand auf seine Brust, mittig, auf das Brustbein. Die Hand war warm, wärmer als jede, die der Junge je gespürt hatte, eine Wärme wie aus einem Werkzeug, das ein Mensch zu lange in der Tasche getragen hatte. Er verschob sie um eine Daumenbreite, dann noch einmal, bis der Handballen dort lag, wo der Knochen aufhörte. Er drückte nicht. Er wartete, bis unter seiner Hand etwas antwortete. Dann hielt er sie ganz still.
Zuerst wurden die Fingerspitzen kalt. Die Wärme zog sich aus ihnen zurück, wie Wasser aus einem Sand, in den man zu tief gegraben hat, und die Kälte, die nachkam, war nur die Stelle, an der nichts mehr war. Sie stieg die Hände hinauf, die Arme, in die Schultern. Hinter seinen Augen, dort, wo sonst das Brennen saß, wenn er Licht machte, hing etwas an einem Faden, und jemand zog daran, gleichmäßig und geduldig, so langsam, dass der Stoff nachgab.
Dann wurde es hell zwischen ihnen.
Aus seiner Brust kam Licht. Nicht viel, zuerst ein Schimmer unter dem Pullover, dann durch den Stoff hindurch, ein warmes, tiefes Gelb, das Licht vom Donnerstag, das Licht der sechs Lampen über dem nassen Kies, nur, dass es diesmal nicht in die Luft stieg, wohin er es schickte. Es floss zu Winters’ Hand. Es kroch zwischen seinen Fingern hindurch in die Handfläche, als wäre dort die ganze Zeit ein Platz dafür gewesen.
In seinem Mund verlor ein Wort den Halt. Er tastete mit der Zunge danach und fand nur die Lücke, in der es eben noch gesessen hatte. Es war das Wort für sein Lieblingsessen. Er versuchte zu sagen, was er aß, wenn er an seine Mutter dachte, und wusste es nicht mehr. Er wusste noch, dass es eine Mutter gab; eine Sekunde später wusste er nicht mehr, wie ihre Stimme klang, wenn sie ihn rief, nur, dass es sie gegeben hatte.
Es ging wie Fenster in einer Straße, in denen abends das Licht ausgeht, eines nach dem anderen, und hinter jedem hatte jemand gewohnt. Die Schule mit dem Linoleumgeruch ging aus. Das Treppenhaus, in dem seine Schritte immer ein Stockwerk zu früh zurückkamen. Der Sommer, in dem er schwimmen gelernt hatte, ging aus, und zurück blieb nur das Wissen, dass er schwimmen konnte, ohne das Wasser dazu.
Dann verlor er das Wort für Apfel. Er sah einen Apfel vor sich, rot mit grünem Hauch und einem braunen Fleck an der Stielgrube, in seiner Hand auf dem Bahnsteig in Köln, an einem Tag im Herbst. Diesel lag in der Luft, und sein Mantel war nass. Seine Mutter hatte den Apfel aus der Tasche genommen und ihm gegeben und »Elma« gesagt, leise, wie ein Wort, das nur ihnen beiden gehörte. Er erinnerte sich an den Apfel, aber nicht mehr daran, wie er hieß, und nicht mehr daran, dass Elma jemals etwas bedeutet hatte. Das Wort war noch in seinem Mund. Es meinte nichts mehr.
Dann fiel sein eigener Name aus ihm heraus, leise, wie ein Knopf, der von einem Mantel abgeht.
Der Junge wollte einen Schritt zurück. Das Knie gab den Schritt nicht her. Seine Finger schlossen sich um etwas, das nicht da war. Sein Mund ging auf, für ein Wort, mit dem er bitten wollte, und blieb offen. Sein Herz schlug einmal hart gegen Winters’ Hand, suchte nach dem Grund dafür und fand ihn nicht mehr, und danach schlug es langsamer.
Sein Atem war nicht mehr zu hören. Er atmete, und der Ort nahm den Ton nicht mehr an.
Eine Schwere legte sich in ihn, von den Füßen her, als füllte ihn jemand mit nassem Sand. Die Umrisse in der Ferne gingen weiter. Einer von ihnen war stehen geblieben, glaubte er, und hatte den Kopf in seine Richtung gedreht, ohne Gesicht, mit der Geduld von etwas, das weiß, dass bald einer mehr kommt.
Tief unter dem Brustbein löste sich, was noch übrig war. Es wollte nicht, aber es musste. Etwas, das er nie als Farbe gedacht hatte, glitt aus ihm in Winters’ Hand, der letzte, dichteste Rest, so hell, dass das Grau um sie herum für einen Herzschlag Kanten bekam. Die Farbe sah ihn an, eine Sekunde lang, dann verschloss Winters die Hand, und sie war hinter den Fingern.
Dann war auch die Weide weg, und dann war auch er weg.
Winters öffnete die Tür von innen, mit derselben kleinen Drehung, und führte den Jungen hinaus, eine Hand unter seinem Arm, wie einen Kranken aus einem Wartezimmer. Der Junge ging. Seine Füße fanden den Boden, weil Füße das können, auch wenn niemand mehr darin wohnt. Hinter ihnen schloss sich die Luft über dem Wasser, und die Nachmittagsgeräusche kamen zurück, die Vögel, ein Motorboot weit draußen auf dem Rhein, der Wind im Schilf.
Nach drei Schritten ließ Winters den Arm los.
Der Junge fiel wie ein Mantel vom Haken, ohne die Hände vorzustrecken, ohne den kleinen Ruck, mit dem ein Körper sich fängt. Er schlug mit der Schulter auf die Wiese am Fuß der Weide, dort, wo das Gras in die feuchte Erde am Ufer überging, rollte halb auf den Rücken und blieb liegen, das Gesicht zum Mond. Die Augen standen offen. Es war nichts in ihnen, das den Mond hätte sehen wollen.
Winters kniete sich neben ihn. Er strich dem Jungen das Haar aus der Stirn. Die Hand machte es, ehe er sie zurücknehmen konnte. Sie hatte das schon einmal getan, vor langer Zeit, für jemanden, der nicht dieser Junge gewesen war.
Er richtete sich auf. In seinem Knie knackte es leise, mit einem Ton, als hätte das Gelenk zu oft im Wasser gelegen, und in seiner Schulter ebenso, und einen halben Atemzug später auch im Kiefer, als hätte dieser länger gebraucht, sich zu entscheiden, ob er mitknacken wollte. Er zählte mit, wie immer: die kleinen Verfallsgeräusche, die er sich für später eingehandelt hatte.
Er ging zum verbotenen Wagen und sah sich nicht um.
Der Schlüssel ging leicht ins Schloss, leichter als beim letzten Mal, und die Tür gab nach. Drinnen war es dunkel und roch nach altem Holz und nach Karamell, ein Geruch, der noch vor einer Stunde dem Jungen gehört hatte und den jetzt der Wagen behielt. An den Wänden standen Regale, schmal, vom Boden bis fast zur Decke. Auf den Regalen standen Gläser.
Es waren viele, in Reihen nach Jahrgang sortiert, mit kleinen Schildchen, die Winters selbst beschriftet hatte, ein Name, ein Datum, ein Wort. Jedes leuchtete in seiner eigenen Farbe, ein Bernstein, ein kränkliches Grün, ein Blau, das an Gas erinnerte, und zusammen machten sie den Wagen hell, ohne ihn zu wärmen. Er kannte sie am Klang, wenn sie atmeten, und am Gewicht, ohne sie zu heben. An die Gesichter erinnerte er sich nicht. Manchmal, nachts, versuchte er, eines zurückzuholen, und schlief darüber ein.
In seiner linken Hand lag ein Glas. Er hatte es schon befüllt; in welcher Sekunde die Farbe hineingewandert war, wusste er nicht. Es war voll und warm. Es atmete. Das Gelb darin stieß von innen gegen die Wand des Glases, suchte die Ränder ab, einmal ganz herum, und fand keinen. Er nahm es in beide Hände und zog den Verschluss nach, eine Achtelumdrehung, mehr ging nicht. Durch das Glas kam die Wärme an seine Handflächen, ungleichmäßig, im Takt von etwas, das nicht seiner war. Er hielt es so, bis der Takt langsamer wurde.
Er trug es zum jüngsten Regal. Es waren weniger Plätze als beim letzten Mal, aber sie reichten. Auf dem Brett stand ein Glas ein Stück vor der Reihe. Er schob es mit dem Zeigefinger zurück, bis es bündig war, und wischte den hellen Streifen weg, den es im Staub hinterlassen hatte.
Er stellte das Glas hin und klopfte mit dem Mittelfinger gegen den Rand. Es klang dumpf.
»Graduiert«, sagte er leise, mehr zum Regal als zum Glas.
Dann ging er die Reihen entlang, zu den älteren Brettern, wo das Leuchten matter war, und blieb vor einem Glas mit einem blassen Grün stehen. Er legte beide Handflächen daran, ganz flach, wie an eine Hauswand, in der noch die Sonne steckt. Das Grün wurde unter seinen Händen dünner. In sein Knie, in die Schulter, in den Kiefer kam eine Ruhe, die dort seit dem Ufer gefehlt hatte, und als er das Gewicht verlagerte, knackte nichts mehr. Er atmete aus. Es war der Atem eines Mannes, der nach einem langen Tag die Schuhe auszieht.
Er hätte gehen können. Stattdessen hob er den Blick zum obersten Brett, zu dem einen Glas, das dort allein stand, ohne Nachbarn, ohne Datum, das Schildchen so vergilbt, dass die Schrift darauf nur noch ein Schatten war. Es leuchtete in einer Farbe, für die es draußen kein Wort gab. Er berührte es selten. Heute legte er zwei Finger daran.
Kälte. Ein Winter, der in einem Fensterrahmen stand, Schnee auf der Innenseite der Scheibe. Der Geruch von Petroleum aus einer Lampe mit rußigem Zylinder. Eine Frau, über ein Nähzeug gebeugt, die nicht aufsah, obwohl sie es hätte hören müssen. Eine Hand auf einer Brust, eine große Hand auf einer sehr kleinen Brust, so groß, dass sie von einer Schulter zur anderen reichte, und unter ihr etwas, das antwortete, weil es musste. Ein Wort, das aus einem Mund fiel. Er hätte nicht sagen können, welches.
Er nahm die Finger weg, bevor das Bild zu Ende war. Es war nie zu Ende gewesen. Einen Moment lang stand er da und wusste nicht, ob das Bild aus dem Glas gekommen war oder aus ihm, und dann entschied er, dass es keine Rolle spielte, so wie er es jedes Mal entschied.
Er schloss die Tür hinter sich ab. Im jüngsten Regal leuchtete das neue Glas, nicht lauter als die anderen, gleichmäßig, als würde es darauf warten, dass jemand die Tür öffnete.
Am Fuß der Weide lag der Junge im Gras.
Der Mond war über die Pappeln gestiegen und zeichnete jeden Halm der Wiese einzeln nach, und auf dem Gesicht des Jungen lag dasselbe Licht, auf der Stirn, auf den offenen Augen, in die kein Lidschlag kam. Tau setzte sich in seine Wimpern. Ein Käfer lief über seinen Handrücken, blieb in der Mulde zwischen Daumen und Zeigefinger stehen und lief weiter, weil die Hand nichts dagegen tat. Die Brust unter dem Pullover lag flach. Der Rhein schlug gegen das Ufer, leise, unter den eigenen Wellen, und das Schilf stand still.
So lag er, eine lange Zeit, so still, wie nur etwas liegt, aus dem alles gegangen ist.
Dann hob sich die Brust.
Einmal, kaum, ein Zucken unter dem Stoff, das auch der Wind hätte sein können, wenn Wind gewesen wäre. Dann noch einmal, tiefer, mit einem rauen, trockenen Laut, als risse eine Naht auf, die zugeklebt gewesen war. Die Finger bewegten sich im Gras. Die Augen blinzelten, einmal, gegen den Mond, und sahen ihn an, wie man eine Lampe ansieht, deren Namen man nicht kennt.
Der Junge atmete. Sein Atem fand seinen Takt mit dem Schilf, das ohne Wind rauschte.
Kapitel 1
Eine Handbreit
FFia war oben. Er hörte sie nicht und wusste es trotzdem.
Feo schloss die Haustür hinter sich, leise, wie er das inzwischen immer tat, drehte den Schlüssel zwei Umdrehungen, hängte ihn an den Haken neben dem Spiegel und vermied es hineinzusehen. Über dem Türrahmen zum Flur hing das blaue Glasauge, das sein Vater vor Jahren angeschraubt hatte; es war staubig, schaute aber trotzdem.
Aus der Küche kamen der Geruch nach gebratenen Zwiebeln und das Geräusch eines Holzlöffels gegen einen Topfrand. Seine Mutter sang nicht und summte auch nicht, aber wenn sie kochte, hatte sie einen Klang: der Löffel, der zu lange am Rand kratzte, der Deckel, der einen Moment zu spät kam, und heute war er derselbe wie die ganze Woche schon.
»Ich war am Rhein«, sagte er.
Sie drehte sich nicht um. »Das Essen ist gleich fertig.« Sie stellte einen Becher ins Regal über dem Spülbecken, langsam, mit einer Sorgfalt, die nichts mit dem Becher zu tun hatte. »Wäschst du dir die Hände.«
Früher hatte sie sich umgedreht, wenn er nach Hause kam. Wann sie damit aufgehört hatte, hätte er nicht sagen können; es war über viele Tage gegangen, jeden Tag ein wenig weniger, bis nichts mehr davon übrig war. Jetzt sprach sie zur Wand über dem Spülbecken, und er antwortete der Wand, und zwischen ihnen stand der Dampf aus dem Topf und tat so, als wäre er der Grund, warum keiner den anderen ansah.
Er wusch sich die Hände im Bad, und das Wasser war zu warm. Die Tür des Spiegelschranks stand halb offen, wie er sie im Februar stehen gelassen hatte, und die Spiegelfläche zeigte seitdem auf die Kacheln. Zugemacht hatte sie keiner, und gefragt, warum sie offen stand, auch nicht. Er stellte das Wasser kälter, trocknete sich ab, ließ die Tür, wie sie war, und ging ins Wohnzimmer.
Sein Vater saß auf dem Sofa, das Tablet auf dem Knie, auf dem nichts Lesbares offen war, und im Fernseher liefen Nachrichten ohne Ton. Auf dem Beistelltisch lag seit Tagen ein Schraubenzieher. Sein Vater ließ Schraubenzieher sonst nie herumliegen. Er las nicht und sah nicht hin; er sorgte nur dafür, dass sich in dem Raum etwas bewegte.
»Hey«, sagte Feo.
»Hey«, sagte sein Vater, ohne aufzusehen.
Seit Februar hatte das Haus eine andere Art zu atmen. Türen wurden leiser geschlossen, wenn er im Raum war, und Gespräche fanden ihr Ende einen Satz früher, als sie es gebraucht hätten. Seine Mutter stellte ihm das Glas Wasser hin, bevor er Durst hatte, und nahm es weg, bevor er es leer getrunken hatte, als wäre auch ein halbes Glas eine Frage, die keiner stellen wollte. Laut wurde hier niemand mehr, und das fehlte ihm. Sie behandelten ihn wie etwas, das bricht oder brennt.
Er ging in sein Zimmer, links an der Wand entlang, wo die Dielen nicht knarrten, und zog die Tür so langsam zu, dass sie keinen Ton machte. Auf seinem Bett lag der Pullover, den er Fia vor zwei Jahren geliehen hatte, als sie sechzehn war und klatschnass aus einem Sommerregen kam. Gewaschen, auf Kante gefaltet, ohne Zettel. Sie hatte gewartet, bis er weg war. Früher hätte sie ihm das Ding ins Zimmer gepfeffert und etwas hinterhergerufen, eine Beleidigung, die keine war, und abends hätte einer dem anderen wortlos die Fernbedienung hingehalten.
Er setzte sich an den Schreibtisch und zog die Schublade auf, in der sein Schülerausweis lag. Im Februar war etwas passiert im Flur vor dem Lehrerzimmer, etwas, an das er sich nur in Bildern erinnerte und nicht in einem zusammenhängenden Satz: eine Mitschülerin, die mit dem Rücken zur Wand stand und ihn ansah, als stünde ein Tier vor ihr, und das Tier war er; ein Lehrer, der die Tür mit der flachen Hand offenhielt, ohne hindurchzusehen; eine Stimme, seine eigene, die Wörter sagte, die er nie hätte aussprechen wollen. Danach drei Wochen Klinik, dann eine Diagnose, die nicht stimmte, dann Tabletten, die einen anderen Jungen aus ihm machen sollten und stattdessen nichts taten. Seitdem hatte keiner mehr von ihm verlangt, wieder hinzugehen.
Was er nicht in Bildern hatte, war der Moment dazwischen, eine Lücke, in der er etwas getan oder gesagt oder gezeigt hatte, das er nie wiederfinden würde, so tief er auch danach grub. Er war es selbst gewesen, der die Stelle zugemacht hatte, von innen; er wusste nur nicht mehr, wann. Kam er ihr zu nah, hielt seine Hand die Schubladenkante fest, bis das Holz in die Fingerkuppen drückte.
Er schob die Schublade zu.
»Deckst du den Tisch«, rief seine Mutter aus der Küche, und er deckte den Tisch.
Beim Essen erwähnte seine Mutter beiläufig, dass Liz heute angerufen habe und erst zu Pfingsten komme. »Sie hängt an ihrer Hausarbeit, sagt sie.«
Fia kam herunter, als die Suppe schon halb in den Tellern war, setzte sich zwischen ihre Mutter und ihren Vater und nicht neben Feo und aß, schnell und ohne aufzusehen. Nach einer Minute legte sie den Löffel beiseite.
»Mama, wir schreiben Freitag Bio bei Wegener. Kannst du nachher noch mal Zellatmung mit mir machen? Ich check das mit den Mitochondrien immer noch nicht.«
Ihre Mutter zögerte, weniger als eine Sekunde. »Klar. Wir gucken das nach dem Essen an. Liz hat heute angerufen. Sie kommt erst zu Pfingsten.«
Fia nickte, als hörte sie es zum ersten Mal. Sein Vater arbeitete den Teller ab, Löffel um Löffel, in gleichmäßigen Abständen. Der Satz lag zum zweiten Mal an diesem Abend auf dem Tisch, zwischen Suppe und Brotkorb, und alle aßen um ihn herum.
Feo legte den Löffel hin.
»Hat sie grad schon gesagt, Mama.«
Laut war es nicht. Aber er hatte seit Tagen an diesem Tisch nichts gesagt, und jetzt ausgerechnet das. Seine Mutter sah auf, direkt zu ihm, zum ersten Mal an diesem Abend, und in ihrem Gesicht ging etwas auf und sofort wieder zu.
»Ach so«, sagte sie. »Ja. Dann weißt du’s ja.«
»Musst du das jetzt sagen?« Fia sprach in ihren Teller, leise und scharf.
»Was denn? Stimmt doch.«
»Esst«, sagte sein Vater. Es war sein erstes Wort beim Essen, und es galt keinem.
Feo stach die Gabel in eine Kartoffel auf dem Beilagenteller. Die Gabel war warm. Dann war sie heiß, so schnell, dass er es erst merkte, als das Metall ihm in die Finger biss, und er ließ sie fallen. Sie schlug gegen den Tellerrand, sprang auf den Tisch und blieb neben dem Brotkorb liegen, und die Suppe in seinem Teller dampfte wieder, als käme sie gerade vom Herd.
Seine Mutter zog die Hand vom Tisch. Nur eine Handbreit, auf ihren Schoß. Ihr Blick ging an der Gabel vorbei zu ihm.
Er sah nur noch die Hand, diese eine Handbreit, die sich vor ihm in Sicherheit gebracht hatte, bevor seine Mutter es selbst entschieden hatte. Hinter seinen Augen zog sich etwas zusammen, heiß und eng, und dann stand er schon.
»Feo«, sagte sein Vater.
»Ich hab keinen Hunger.«
Der Stuhl schrammte über die Fliesen. Fia sah auf seine leere Hand neben dem Teller und dann in sein Gesicht, und als er aus der Küche ging, hörte er, wie auch ihr Stuhl zurückgeschoben wurde.
Er war schon an der Garderobe, die Hand an der Jacke, als sie hinter ihm in der Küchentür stand.
»Wo gehst du hin?«
»Zum Rhein.«
»Da warst du doch schon.«
»Ja.«
»Ja«, machte sie ihm nach. Sie lehnte sich gegen den Türrahmen und verschränkte die Arme. »Super. Und wir sitzen dann wieder hier und horchen, wann die Haustür geht.«
»Keiner zwingt euch.«
»Keiner zwingt uns.« Sie lachte, kurz, durch die Nase. »Glaubst du, das mit Liz hat hier keiner gemerkt? Zweimal, Feo. In fünf Minuten. Und du musst es ihr natürlich vor allen reindrücken. Die schläft nicht mehr. Die sitzt nachts in der Küche, um drei, im Dunkeln, und guckt auf die Uhr am Herd. Ich hör sie, wenn ich runterkomm. Und Papa …« Sie brach ab und setzte neu an, lauter. »Alle hier laufen auf Zehenspitzen. Wegen dir. Und du gehst an den Rhein.«
»Hab ich irgendwen drum gebeten?«
»Du musst ja nicht bitten. Du musst ja gar nichts. Du machst deine Tür zu, und wir dürfen raten, was mit dir ist.«
»Dann ratet halt nicht!«
Es kam lauter heraus, als er gewollt hatte, und es tat gut. Er schlug mit der flachen Hand gegen die Wand neben der Garderobe, und die Jacken schwankten an ihren Haken.
»Keiner hat euch gesagt, dass ihr rumschleichen sollt. Das macht ihr selber. Ihr alle! Und du stehst hier und spielst die Vernünftige, nachdem du seit Monaten kein Wort mit mir redest. Geh doch hoch. Lern deine Zellatmung. Ist ja wichtig.«
Ihr Gesicht zuckte, als hätte er sie geschlagen. »Du bist so ein Arsch geworden.«
»Dann bin ich halt einer!«
»Weißt du, was das Schlimmste ist?« Ihre Stimme wurde höher und zitterte, und sie redete trotzdem weiter. »Früher warst du …« Sie schluckte es herunter. »Ich weiß nicht mal mehr, wer du bist.«
»Dann lass es!« Er ging auf sie zu, zwei Schritte, er wusste nicht, wozu. »Hör auf, es wissen zu wollen! Du willst es doch gar nicht wissen, keiner von euch will …«
Hinter seinen Augen riss etwas. Es tat nicht weh. Es war ein Ruck, wie wenn eine Schublade aus der Führung springt, und dahinter wurde es weit, als hätte jemand in seinem Kopf ein Fenster aufgestoßen, das er nicht angefasst hatte.
Fia sah ihn nicht mehr an.
Ihr Blick ging an seiner Schulter vorbei in den Flur und blieb dort hängen. Das Blut lief ihr aus dem Gesicht, von der Stirn abwärts, bis ihre Lippen dieselbe Farbe hatten wie die Haut. Sie wich zurück, einen Schritt, in die Küche hinein, und ihre Hand fuhr zur Seite und griff nach dem Türrahmen, fasste ihn an, einmal kurz, als müsste sie prüfen, ob er noch da war.
Feo kannte die Bewegung.
Er fuhr herum. Der Flur war leer. Die Jacken hingen still, der Schlüssel am Haken, daneben der Spiegel, und im Spiegel stand nur er selbst, zu blass, mit offenem Mund. Über dem Türrahmen das blaue Glasauge. Nichts, was nicht dorthin gehörte. Hinter seiner Stirn ging das Fenster wieder zu, langsam, und ließ einen dumpfen Druck zurück wie nach zu langem Lesen bei schlechtem Licht.
Als er sich wieder zu ihr drehte, war die Wut abgelaufen wie Wasser aus einem Waschbecken, von einer Sekunde auf die andere, und übrig blieb sein Atem, viel zu laut, und eine Hitze im Gesicht, die jetzt eine andere war. In der Küche hinter ihr klapperte kein Löffel mehr. Es war so still, dass er wusste, dass sie zugehört hatten, beide, und sitzen geblieben waren.
»Fia«, sagte er. »Ich hab nicht …«
Sie nahm die Hand vom Türrahmen. Dann ging sie an ihm vorbei zur Treppe, dicht an der Wand, so dicht, dass ihr Ärmel über die Tapete strich und sie ihn nicht streifte. Auf der untersten Stufe blieb sie stehen. Sie drehte sich nicht um.
»Dein Rücklicht ist kaputt«, sagte sie leise.
»Weiß ich.«
Er hörte jede Stufe, dann oben ihre Tür, die sie hinter sich zumachte, sorgfältig, bis das Schloss einrastete.
Er stand im Flur. Hochgehen hätte er können, oder zurück in die Küche, an den Tisch, zu der kalten Suppe und dem Schweigen. Er nahm die Jacke vom Haken, ohne in den Spiegel zu sehen, und war draußen, bevor er es sich anders überlegen konnte.
Draußen war es kühler geworden, und die Luft roch nach feuchtem Asphalt. Er holte das Rad aus dem Schuppen. Am Rücklicht fehlte ein Plastikteil, das er nie ersetzt hatte; er hieb einmal mit dem Handballen dagegen, zu fest, und es blieb dunkel.
Er zog die Kapuze hoch und fuhr die Rochusstraße entlang nach Osten, schneller, als nötig war. Der Verkehrslärm der A565 lag in einer Schicht über allem, gleichmäßig, ein Geräusch, das erst wieder da war, wenn man darüber nachdachte. An der Lengsdorfer Straße stand ein Pickup mit Hamburger Kennzeichen vor einem Eckhaus, und ein Mann trug Kartons in den Hof, Küche, Bad, Bücher, ohne herzusehen. Auf der anderen Straßenseite blieb ein grauer Hund stehen und legte den Kopf schräg, als hörte er etwas, das Feo nicht hörte. Er knurrte nicht und bellte nicht. Tiere machten einen Bogen um ihn, aber sie schämten sich nicht dafür, und bei einem Hund wusste er, woran er war.
Durch Endenich, durch Poppelsdorf, wo die Laternen gelber wurden und die Hecken niedriger. Er trat, bis die Oberschenkel brannten, und solange sie brannten, hörte er Fias Stimme nicht. An der Heussallee roch die Luft nach feuchtem Gras und nach dem Fluss hinter dem Park. An der Ampel zur B9 stieg er ab.
Rot, und kein Auto. Er wartete trotzdem auf Grün. Seit Februar gab er niemandem mehr einen Grund, ihn anzusehen, auch einer leeren Straße nicht. Heute musste er sich dafür mit beiden Händen am Lenker festhalten.
Bei Grün schob er das Rad hinüber und schloss es an einen Pfosten am Rand des Parks. Das Schloss klickte zweimal, und er prüfte es nicht.
Dahinter begann die Rheinaue. Der Boden wurde weicher unter den Schuhen, das Gras höher, der Geruch des Wassers stärker. Die alte Weide stand wie immer am Ufer, eine Krone aus dünnen Zweigen, die im Halblicht zitterte, als wären die Zweige selbst kalt. Feo ging zu ihr hin, blieb am Rand des Wassers stehen, dort, wo der Schlamm anfing, und sah hinein.
Sein Reflexbild stimmte heute.
Er machte den Test, wie an jedem Tag dieser Monate, und heute machte er ihn zweimal. Er hatte ihn sich selbst gestellt, ohne je entschieden zu haben, was die Antwort bedeuten sollte, wenn sie eines Tages falsch sein würde.
Er hob die linke Hand zur Wange, und im Wasser hob das Spiegelbild die linke Hand zur Wange. Er drehte den Kopf nach rechts, und das Spiegelbild drehte den Kopf nach rechts, alles in der Verzögerung, die Wasser nun mal hatte, und nicht mehr. Er atmete aus.
An manchen Tagen stimmte das Reflexbild nicht. Dann sah er sich selbst von der Seite, obwohl er gerade nach vorn schaute, oder das Spiegelbild blinzelte eine halbe Sekunde später als er, oder es war jünger, oder es lächelte kurz, bevor er es tat, als hätte es den Gedanken schon gehabt, den er erst noch haben würde.
Er hatte sich nie überlegt, was er tun würde, wenn das Spiegelbild eines Tages stehen blieb, während er ging.
An manchen Tagen wünschte er sich, das Bild wäre ein für alle Mal falsch, damit die Hoffnung endlich aufhörte.
Dann sah er es.
Über der Schilfwand jenseits der Weide, nicht weit, einen Steinwurf vielleicht, glänzte die Luft. Schwach, eine Schicht über dem Stück Ufer, die nicht zur restlichen Luft passte, so wie wenn man durch eine fast saubere Scheibe schaut und doch weiß, dass eine da ist. Gleichzeitig lag in seinem Kopf ein leiser Druck, ein Gewicht hinter den Augen, wie jedes Mal, wenn er etwas sah, das nicht für jeden sichtbar war.
Es war ein Schimmern.
Er hatte keinen Namen dafür, nur den Druck im Kopf, der dazugehörte. Er hatte es zweimal vorher gesehen, beide Male über demselben Stück Ufer, und sich beide Male gesagt, dass er müde war, dass es Dunst über dem Wasser sei. Diesmal glaubte er es nicht mehr.
Jedes Mal hatte er sich weggedreht und war nach Hause gefahren, die ganze Strecke mit dem Schimmern im Rücken, das noch da war und auf ihn wartete, geduldig, ohne ihm nachzusehen.
Nach Hause. Er sah den Flur vor sich, die schwankenden Jacken, Fias Finger am Türrahmen. Er hörte das Schloss oben einrasten.
Er drehte sich nicht weg. Heute lief er hinüber.
Er ging über die Holzbrücke nördlich der Weide, kurz und schmal, ohne Geländer auf einer Seite; darunter stand das Wasser flach im Schilf.
Auf der Brücke blieb er stehen und nahm das Handy aus der Tasche. Er ging die Namen durch und blieb bei Fia hängen. Der letzte Chat war aus dem Januar und bestand aus zwei Wörtern von ihm und einem Daumen von ihr. Er tippte sorry, sah es eine Weile an und löschte es wieder, Buchstabe für Buchstabe. Dann schaltete er das Gerät aus und steckte es in die Innentasche, wo er es beim Gehen nicht spürte.
Dahinter war der Schilfrand dichter und das Gras höher, und über dem Schilf bewegten sich die Zweige der Pappeln in einer Richtung, aus der kein Wind kam. Er folgte dem Trampelpfad, den er kannte, der hier sein sollte und so dünn war, dass er ihn jedes Mal neu finden musste.
Hinter der zweiten Pappel öffnete sich der Blick.
Auf dem Stück Wiese zwischen Schilf und Bahndamm stand ein Zelt. Die Plane war schwarz, mit einer breiten Aufschrift, von der das Silber fast vollständig abgeblättert war: CIRCKOOL, las er, oder etwas Ähnliches, denn ein Buchstabe war so verblasst, dass er ihn ergänzen musste, ohne ihn zu sehen. Drumherum standen in einem unregelmäßigen Halbkreis mehrere Wagen, alt und dunkel, die Räder im Boden eingewachsen. Auf den Spitzen der Masten, die das Zelt hielten, saßen Raben. Er zählte sie; es waren neun, und sie bewegten sich nicht.
Neun Raben, die nicht aufflogen. Vögel flogen auf, wenn ein Mensch näher kam; daran hatte er bisher keine Ausnahme gesehen. Diese aber saßen, als wären sie in die Spitzen gewachsen wie die Räder der Wagen in den Boden, und sahen ihn an, jeder einzelne, mit der ruhigen Aufmerksamkeit von etwas, das mehr Zeit hatte als er. Der Druck hinter seinen Augen wurde stärker.
Aus der Richtung des größten der Wagen kam ein süßer Geruch, so schwach, dass er ihn beim zweiten Atemzug schon suchen musste: etwas, das einmal Karamell gewesen war, oder die Erinnerung daran.
Er ging näher.
Das Eingangszelt war offen. Einer der beiden Vorhänge war zur Seite geschlagen und mit einer Schnur an einer der Stangen festgemacht, sodass jeder, der wollte, hindurchgehen konnte.
Es war eine offene Tür, dachte er, und niemand band einen Vorhang an einer Stange fest, ohne es zu wollen.
Der Gedanke hätte ihn umkehren lassen sollen, und an jedem anderen Abend hätte er das getan. Nur sah es aus, als hätte hier jemand mit ihm gerechnet. Das hatte lange keiner mehr getan.
Er stand einen Augenblick. Aus dem Zelt hörte er nichts, nur den Rhein hinter sich und einen der neun Raben, der einmal mit den Federn schlug, ein kurzes, trockenes Geräusch, das schnell wieder aufhörte. Im linken Flügel war eine einzelne Schwungfeder weiß, hell wie ein Kreidestrich. Als der Rabe den Flügel wieder anlegte, blieb von ihr nur ein schmaler heller Rand.
Der Wind kam vom Rhein in seinen Rücken und roch nach Wasser und nassem Gras. Der Karamellgeruch kam ihm trotzdem entgegen, aus dem Zelt, gegen den Wind. Unter dem aufgeschlagenen Vorhang war der Boden trocken, und einen Schritt zurück, wo Feo stand, war das Gras nass.
Er ging hindurch, ehe er es sich erlaubt hatte, und sah hinein.
Kapitel 2
Jünger, als die Verträge sagen
HHinter dem ersten Vorhang lag ein schmaler Gang, an dessen Haken eine Petroleumlampe hing, die nicht brannte. Hinter dem zweiten Vorhang bewegte sich etwas.
Aus der Bewegung löste sich eine Hand. Dann ein Arm. Und schließlich trat ein ganzer Mann hervor.
Er war groß und schmal, schwarz gekleidet, mit kurzem, grauem Haar, das er mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes trug, dem es zufällig so geworden war. Sein Gesicht hatte Falten, aber nicht in der Verteilung, die zu seinen Bewegungen passte. Feo sah zweimal hin.
Sein Blick tat das Übliche, ungefragt: Er sah die Schicht über den Dingen, die dünne Verschiebung zwischen dem, was etwas war, und dem, was es zeigte. Bei Menschen war diese Schicht meist nur ein halber Schatten, eine Müdigkeit, ein Satz, den jemand zurückhielt. Bei diesem Mann war sie tiefer und ruhiger, als hätte er gelernt, sie zu tragen wie ein Kleidungsstück. Feo hatte noch nie jemanden so wenig flackern sehen.
»Es ist offen«, sagte der Mann.
Feo stand zwischen den Vorhängen, eine Hand am Stoff, ohne sich zu erinnern, dass er die Hand ausgestreckt hatte. Sein Gewicht lag auf dem hinteren Fuß, und die Ferse hatte den Boden schon verlassen. Er merkte es erst am Blick des Mannes.
Der Mann tat nichts dagegen. Er ging zwei Schritte in den Gang hinein, von Feo weg, bis zwischen ihnen mehr Platz war als vorher, und stellte sich seitlich, sodass der Weg nach draußen frei blieb. Erst dann sprach er weiter, leiser als zuvor.
»Mein Name ist Dorian Winters. Ich bin der Ringmeister hier.« Winters lächelte nicht. Er sah Feo an und wog nichts ab. »Wie Sie heißen, sagen Sie mir, wenn Sie es sagen wollen. Oder nicht. Beides geht.«
Feo öffnete den Mund, um etwas zu sagen, und wusste nicht, was.
Auf die Fragen zu Hause war die richtige Antwort meistens, nichts zu sagen. Dass dieser Mann ihm das Schweigen anbot, als wäre es genauso viel wert wie ein Name, brachte etwas durcheinander, das er für längst sortiert gehalten hatte.
»Aber ich weiß«, sagte Winters und trat einen halben Schritt zurück, sodass der Vorhang hinter ihm einen Spalt freigab, »dass Sie nicht zufällig hier stehen.«
Feo schluckte.
»Ich war nur …«, fing er an und kam nicht weiter. Er hätte sagen können, dass er spazieren gewesen sei und das Zelt vom Ufer aus gesehen habe und gleich wieder gehe. Er sagte nichts davon.
Winters wartete. Als nichts mehr kam, nahm er den halben Satz als Antwort und drehte sich zum Spalt zurück.
»Soll ich Ihnen das Gelände zeigen?«
Draußen war es dunkler geworden, als Feo gedacht hatte. Über den Pappeln stand ein letzter Streifen Tageslicht, schmal wie ein Buchrücken, darunter Schwärze, in der die Wagen aussahen wie aus dem Boden gewachsen. Zwischen zwei Wagen hing eine Lichterkette, halb tot, und die übrigen Birnen flackerten, dachte Feo, bis er genauer hinsah. Sie flackerten nicht. Ein Schatten zog zwischen ihnen und ihm vorbei, langsam, ohne Ursache.
»Das macht das Gelände manchmal«, sagte Winters, ohne hinzusehen. »Sie gewöhnen sich daran.«
Feo gewöhnte sich nicht daran.
Hinter seinen Augen lag wieder das Gewicht, dasselbe, das er am Ufer gespürt hatte, als er das Schimmern sah. Hier war es stärker, hier war es überall, ein gleichmäßiger Druck, als stünde er an einem Ort, der nur so tat, als wäre er eine Wiese am Rhein.
Sie gingen am Rand des Halbkreises entlang. Die Wagen waren alt und ungleich, manche frisch gestrichen, manche nicht. Aus einem der Wagen kam Musik, leise, ein Lied in einer Sprache, die Feo nicht erkannte; aus einem anderen kam ein Lachen, das schnell wieder aufhörte. In einem erleuchteten Fenster trat jemand einen Schritt zurück, gerade so weit, dass Feo nur die Bewegung sah und nicht den Menschen. Aus einem weiteren Wagen kam gar nichts, und das war der Wagen, vor dem Winters stehen blieb.
»Der hier ist leer«, sagte er. »Er war eine Weile bewohnt. Jetzt nicht mehr.«
Der Wagen war einer der kleineren, dunkelgrün, mit einer Tür, deren Farbe einmal weiß gewesen war. Über der Tür hing eine schmale, vergilbte Leuchte, und auf der Treppe vor der Tür lag ein Schuhabtreter aus geflochtenem Stroh, der aussah, als wäre er seit Tagen nicht benutzt worden.
Tage, dachte Feo, nicht Wochen. Er hätte nicht sagen können, woher die Sicherheit kam. Wer immer hier gewohnt hatte, war nicht lange weg, und der Wagen hatte noch nicht entschieden, ob er leer sein wollte. Die Tür sah aus, als wäre sie erst vor Kurzem das letzte Mal von innen geschlossen worden, und Feo hatte den unsinnigen Gedanken, dass es unhöflich wäre hineinzusehen. Als fasste man in ein fremdes Bett.
»Sie können hineinsehen, wenn Sie wollen«, sagte Winters. »Heute müssen Sie gar nichts.«
Er ging drei Schritte weiter und stellte sich so, dass er die Tür nicht mehr sah. Es war keine große Bewegung, und sie machte den Wagen für einen Moment zu Feos Wagen. Feo sah nicht hinein. Er trat einen halben Schritt näher an die Treppe heran und blieb dort stehen, und das war mehr, als er vorgehabt hatte.
Er sah zu Winters hinüber und hielt den Blick einen Moment zu lang. Er zog den linken Ärmel über die Hand und sagte:
»Wer hat da gewohnt?«
Winters’ Antwort kam ohne Verzögerung und ohne Ausweichgeste.
»Jemand, der nicht mehr da ist.«
»Wann?«
»Vor einer Weile.«
Feo wartete eine Sekunde. Mehr kam nicht. Er ließ die Frage, wo sie war; sie war größer, als er sie heute aufmachen wollte.
»Mein Wagen«, sagte Winters und wies mit dem Kinn zum Schilfgürtel, »ist der am Rand. Den sehen Sie von hier nicht, und von weiter weg auch nicht. Meine Sache.« Er sah Feo wieder an, mit einem Blick, der mild geworden war. »Es gibt drei Wege zurück zur Stadt. Heute zeige ich Ihnen den kürzesten.«
Aber er zeigte ihn nicht sofort.
»Kommen Sie mit«, sagte er. »Tee.«
Der Küchenwagen war wärmer als die Luft draußen, und das war fast zu viel, weil es draußen nicht kalt war. Die Decke war niedrig, aus dunklen Holzbalken, an denen ein Geruch von Jahrzehnten Kochen hing, so eingelegt, dass er zu keinem einzelnen Gericht mehr gehörte. Auf dem Tisch stand eine Kerze in einem Glas, daneben zwei Becher. Winters goss aus einer alten Kanne, und es roch nach Schwarztee, wie Feo ihn als Kind einmal bei seinem Onkel in Köln getrunken hatte, in einem Wohnzimmer, das in seiner Erinnerung größer war, als es vermutlich gewesen war.
Die Wärme im Wagen legte sich auf ihn wie eine Hand, die er nicht hatte kommen sehen. Zu Hause hielt das Haus die Temperatur, Tag und Nacht dieselbe, und man vergaß, dass es eine gab.
Er schob die Kapuze zurück. Er hatte sie seit Duisdorf aufgehabt, auch im Eingangszelt, und warum er sie jetzt herunternahm, wusste er nicht. Winters sah nicht hin. Er schob nur den zweiten Becher ein Stück näher an die Tischkante, dorthin, wo eine Hand ihn ohne Strecken erreichte.
Winters setzte sich, nicht gegenüber und nicht daneben, in einem Winkel dazwischen. Es war eine Art zu sitzen, die jeden Weg nach draußen offen ließ, und nach Vorsicht sah sie nicht aus.
»Es gab im Februar einen Vorfall in einer Schule in Duisdorf«, sagte Winters ruhig. Er hielt den Becher in beiden Händen, ohne zu trinken. »Im Flur vor dem Lehrerzimmer. Ein Junge, siebzehn, elfte Klasse. Es war die große Pause. Es gab eine Auseinandersetzung, von der zwanzig andere Schüler etwas gesehen haben, das sie nicht sehen wollten. Niemand hat im Nachhinein erklären können, was genau es war.«
Feo trank nicht. Er hielt den Becher, spürte die Wärme in den Handflächen und merkte, dass seine Finger leicht zitterten. Er hatte niemandem erzählt, was im Februar geschehen war, und dieser Mann erzählte es ihm, ruhig, als ginge es um das Wetter von gestern.
»Sie haben danach eine kurze Klinikepisode hinter sich«, sagte Winters. »Mit einer Diagnose, die nicht stimmte, und einer Medikation, die nicht half.«
Eine Sekunde verging, in der sich nur die Kerzenflamme bewegte.
»Ich habe seitdem auf Sie gewartet.«
Feo stellte den Becher ab. Er wollte es vorsichtig tun und tat es zu hart, und Tee schwappte ihm über die Finger, heiß, er merkte es kaum.
»Woher wissen Sie das?« Es kam lauter heraus, als er wollte, und die Kerzenflamme legte sich kurz zur Seite. »Wer hat Ihnen das erzählt? Wer sind Sie?«
Winters ließ eine Pause entstehen, die wie Nachdenken aussah.
»Jemand, der das hier schon eine ganze Weile macht.« Er hob den Becher und trank, und seine Aufmerksamkeit blieb dabei bei Feo. »Die Tür ist offen. In beide Richtungen. Wenn Sie gehen, gehe ich Ihnen nicht hinterher, heute nicht und morgen früh auch nicht. Wenn Sie bleiben, dann unter Regeln, die Sie nicht von mir lernen, sondern von den anderen.«
Es waren mehr Sätze, als Feo seit Monaten von einem Erwachsenen gehört hatte, ohne dass eine Forderung darin lag, und er suchte nach der Wand, an die man den Rücken stellt.
»Ich kenne Leute wie Sie«, sagte Winters. »Ich weiß, was das kostet.« Er sah einen Moment zur Kerze. »Aber wenn einer Angst vor Ihnen hat, der Sie liebt …« Er sah wieder zur Kerze. »Das kostet anders.«
Der Satz saß zu genau, als hätte Winters ihn schon einmal gesagt, zu jemand anderem, vor langer Zeit.
In Feos Brust rückte etwas und fand keinen Platz. Er sah Fias Hand am Türrahmen, vor ein paar Stunden erst, und wie sie an ihm vorbeigegangen war, dicht an der Wand.
Zu Hause sagte niemand das Wort Angst, und niemand sagte das Wort Liebe.
Er griff wieder nach dem Becher und sah auf das Holz des Tisches. Er stellte, was er für eine harmlose Frage hielt, eine, die ihm Zeit verschaffen sollte für die größere, die er nicht stellen wollte:
»Wie alt sind Sie?«
Winters lächelte knapp, eine Sekunde lang, kein Schauspiel.
»Älter, als ich aussehe. Jünger, als die Verträge sagen.«
Feo lachte, und es überraschte ihn: ein einzelner kurzer Laut, der ihm aus dem Hals kam, bevor er entschieden hatte, dass er lachen wollte. Es war das erste Mal seit Wochen. Er versuchte, es wieder einzufangen, und merkte, dass das nicht ging.
Es tat fast weh, wie ein Muskel, der zu lange nicht gebraucht worden war.
Winters tat, als hätte er es nicht bemerkt.
Sie gingen wieder hinaus. Der Halbkreis lag stiller als vorher, als hätte das Gelände gemerkt, dass jemand Neues da war, und wartete nun ab, was es davon halten sollte. Winters führte Feo zum kleinen dunkelgrünen Wagen zurück, öffnete die Tür, ohne hineinzugehen, und trat einen Schritt zur Seite.
»Sie können hier schlafen. Es gibt Decken auf dem Bett. Wenn Sie nicht schlafen können, können Sie gehen. Wenn Sie gehen, fragt morgen niemand, ob Sie da waren. Wenn Sie bleiben, fragt morgen niemand, woher Sie kommen.« Er zögerte. »Es sei denn, Sie wollen, dass jemand fragt.«
Feo suchte nach der Absicht. Er fand keine.
Er nickte. Er traute sich nicht zu sprechen, weil seine Stimme dünner geworden war.
Winters wandte sich ab. Vor dem Küchenwagen, drei Wagen entfernt, drehte er sich noch einmal um.
»Ich weiß nicht, wer Sie sind«, sagte er. »Das werden Sie mir sagen, wenn Sie wollen.«
Feo sah ihn an, länger, als üblich war zwischen zwei Menschen, die einander gerade kennenlernten. Dann löste er den Blick, mit Mühe, und ging in den Wagen.